Aus dem Tagebuch einer Plakatwand
Ach ist das schön, mal wieder aus dem muffigen Schuppen rauszukommen! Es steht also die nächste Wahl an und deshalb haben die Leute mich weithin sichtbar an der frischen Luft aufgestellt, damit sie jede Menge Plakate an mir aufhängen können. Doch, doch, das ist schon wichtig. Woher sollten die Wähler sonst wissen, welcher Spruch zu welchem Kopf gehört. Mir gefallen die Sprüche auf jeden Fall richtig gut.
„Ideen und Tatkraft“ steht auf einem. Ist doch ne Klasse Sache! Oder hier, sehen Sie mal ein Stückchen weiter rechts, da ist noch so ein Knüller: „Wir setzen uns ein“. Da kann man nun wirklich nichts gegen haben. Mein absoluter Favorit ist aber das Ding, was ein paar Meter weiter auch noch mal an einem Laternenpfahl hängt. „Der Mann für alle!“
Warum allerdings auf jedem Plakat noch ein paar große Buchstaben -meistens sind’s drei, manchmal ein paar mehr- die schönen Bilder verunzieren, verstehe ich nicht. Ich bin mir ganz sicher, dass die abgebildeten Männer diese schönen Sprüche alle toll finden. Vor allem, weil ich von anderen Plakaten, die bei Veranstaltungen dabei sein durften weiß, dass jeder von denen unwahrscheinlich schlau sein muss. Auf jede, wirklich jede Frage haben die immer sofort eine Antwort gehabt. Da hat keiner mal gesagt, dass er erstmal überlegen müsste oder so. Nee, echt clever sind die.
Ich finde es zwar ziemlich merkwürdig, dass die manchmal auf ganz einfache Fragen total verschiedene Antworten gegeben haben -es soll sogar zu Anmotzereien gekommen sein- aber ich als Plakatwand brauche mir darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Das überlasse ich lieber euch Menschen, ihr habt bestimmt auch dafür die richtige Erklärung. Ich muss nach der Wahl sowieso wieder in meinen Schuppen, egal wer gewinnt.
