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Unterwegs

Deako

Kuss im Dunkeln

Ein Wettbewerb des Fischer Taschenbuchverlags und der Zeitschrift "TV Spielfilm" unter dem Motto "Superfrauen" bot sich als Gelegenheit an, mal zu einem ganz anderen Thema etwas zu schreiben. Auch wenn in erster Linie Autorinnen gefragt waren, habe ich meine Story einfach mal abgeschickt. Offensichtlich hat sie der Cheflektorin Ingeborg Mues so gut gefallen, dass der "Kuss im Dunkeln" zu den Preisträgern gehörte.

„Mensch, Peter. Jetzt mach bloß keinen Mist. Das ist keine Frau der Welt wert“, redete Martin auf seinen Freund ein. „Du bleibst jetzt erst mal für den Rest der Nacht hier. Versuch einfach ’ne Runde zu schlafen. Morgen sieht die Sache bestimmt schon ganz anders aus.“ Der leichte Nachdruck in Martins Stimme ließ keine Widerrede zu.
Er war sich klar, dass er Worte benutzte, die schon tausendfach in allen erdenklichen Sprachen an verzweifelte Menschen in irgendeinem Ort der Welt gerichtet worden waren. Aber vielleicht bezogen sie gerade daher ihre Wirkung, setzten ein Signal: Du bist nicht der einzige, dem es schlecht geht. Andere haben auch Probleme. Ließ sich in dieser Gemeinschaft das Leid nicht besser ertragen?
Vor zwei Jahren hatte Peter Postels Frau sich von ihm getrennt. Er konnte sich noch gut an das Datum erinnern, es war an seinem 33. Geburtstag gewesen. Aus heiterem Himmel hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie Zeit brauche, um „sich selbst zu finden“, und dass dies innerhalb der Beziehung zu ihm nicht möglich sei. Sie ahnte nicht, dass Peter von ihrer heimlichen neuen Liebe wusste. Lars war EDV – Berater in Susannes Büro und hatte sich von Anfang an um sie bemüht. Seine Komplimente hatten ihr geschmeichelt, sie fühlte sich endlich wieder verstanden und hatte seinem Drängen nur allzu gern nachgegeben. Peter ließ ihre Ausrede gelten. Was hätte er schon machen können? Schreiben? Toben? Heulen? Oder gar mit Selbstmord drohen? Es hätte ja doch nichts genützt. Er wusste, dass er Susanne verloren hatte.
Die Zeit nach der Trennung war zu einer schmerzhaften Erfahrung geworden, bittere Narben hatten sich in Peters Seele eingemeißelt. Es hatte lange gedauert, bis er seine Scheu abgelegt uns sich wieder unter Menschen gewagt hatte.
Seit einigen Wochen war es ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden, nach der Arbeit im Konstruktionsbüro noch eine Zeitlang in dem kleinen Cafe in der Fußgängerzone zu verweilen. Ein Espresso, eine Zigarette, ein weiterer Espresso; stets lief das gleiche Ritual ab. Er beobachtete die Passanten, die anderen Gäste und dann... Drei Monate war es jetzt her, da hatte er sie getroffen. Er wollte gerade aufbrechen, weil er sich vom temperamentvollen Gespräch, vom lauten Lachen einer südländischen Touristengruppe gestört fühlte, als Miriam den Raum betrat. Ihr langes blondes Haar, ihre attraktive Erscheinung hatten die Blicke der Männer sofort angezogen. Ein leiser bewundernder Pfiff, ein zwischen den Lippen herausgepresstes mamma mia bescherten einem jungen Mann einige drohende Blicke seiner Begleiterin.
Zögernd hatte Miriam sich Peters Tisch genähert. „Darf ich mich zu Ihnen setzen“ hatte sie gefragt und entschuldigend hinzugefügt: „Ist ja sonst nichts mehr frei hier.“
„Mein Gott“, schoss es Peter durch den Kopf, „was für eine Superfrau...“ Ein stummes Nicken war das einzige, was er zustande brachte. Miriam setzte sich und lächelte Peter dankbar an.
„Wissen Sie, es ist normalerweise nicht meine Art, fremde Männer anzusprechen, aber heute habe ich Geburtstag, und ich wollte einfach nicht allein zu Hause rumsitzen. Dass hier nur noch ein Platz frei ist, habe ich allerdings nicht erwartet.“
Lange hatten sie zusammengesessen und im Verlauf des Gesprächs Vertrauen zueinander gewonnen. Peter hatte erfahren, dass Miriam an diesem Tag sechsundzwanzig wurde und sich einsam fühlte. Sie hatte ihm anvertraut, dass auch sie eine gescheiterte Ehe hinter sich hatte. Aus der gemeinsamen schlechten Erfahrung wuchs eine schüchterne Freundschaft, die bald von einer starken Zuneigung abgelöst wurde.
Das sollte jetzt alles vorbei sein? Nur wegen dieser verflixten Fete gestern abend? Miriam hatte darauf bestanden, dass er mitkäme; sie wollte ihn all ihren Freunden vorstellen. „Willkommen im Kreis der Auserwählten“ – „Hallo; Neuer, hier kannst du dich nur wohl fühlen.“ Begrüßungen von Leuten, die er nie zuvor gesehen hatte. Peter fühlte sich unwohl, fehl am Platz unter den jungen Leuten. Küsschen hier, Küsschen da. Coole Sprüche, die allgemeine Heiterkeit auslösten. Er fühlte sich unwillkürlich in einen albernen Werbespot für Schokokugeln versetzt. Das war nicht seine Welt.
Die Stimmung wurde immer ausgelassener, reichlich Alkohol floss durch durstige Kehlen. Grünlich und bläulich schimmernde Drinks waren der Hit des Abends. Modegetränke, die man einfach getrunken haben musste, um dazu zu gehören, um mitreden zu können. Getränke, die in wenigen Wochen in jeder Dorfwirtschaft bestellt würden. Hier würde man dann bereits auf gelbliche oder rötliche Drinks umgestiegen sein.
Peter begann das Kopfkissen und die Kaschmirdecke auf Martins Designer – Couch auszubreiten. „Na ja, nicht bequem, aber besser als gar nichts“, murmelte er vor sich hin, als er das mit einem dünnen, grellen Stoff bespannte Chromgestell in Augenschein nahm. Im Hintergrund rauschte die Toilettenspülung. Er löste die Schnürriemen, ließ seine Schuhe achtlos zu Boden fallen und legte sich hin. Ein leiser Seufzer begleitete seine Gedanken zurück zu Miriam.
Sie hatte ihn jedem als ihren neuen Freund vorgestellt, die meisten hatte sie umarmt. Ihren kurzen Gesprächen war er kommentarlos gefolgt, hatte freundlich lächelnd ausgeharrt. „Mensch Peter, da sind Jens und Bea. Die hab ich eine Ewigkeit nicht gesehen, mit denen muss ich unbedingt ein paar Takte reden. Du hast doch nichts dagegen, oder?“
„Amüsier dich gut.“
Später war es dann Mike, der ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, es folgten Pierre und Nathalie; an die anderen Namen konnte er sich nicht mehr erinnern.
Ein warmer Windhauch wölbte die mit einem afrikanischen Ethno – Muster bedruckten Vorhänge am offenen Fenster. Ein zu teuer bezahltes Mitbringsel von Martins Keniareise im letzten Urlaub. Eine aufdringliche Mücke auf der Suche nach Nahrung hatte sich von dem schwitzenden Körper auf der Couch angelockt gefühlt. Peter schlug unkontrolliert um sich. Volltreffer, das Summen verstummte abrupt. Vereinzelte Geräusche bahnten sich ihren Weg durch die warme Sommernacht und wurden schnell wieder von der Stille aufgesogen. Ein Bild machte sich in Peters Gedanken breit, quälte ihn: Nur wenige Minuten von hier würde Miriam jetzt in den Armen des Fremden liegen. Des Fremden, mit dem er sie auf dem Balkon erwischt hatte.
Peter hatte sich aus dem grellen Treiben der Fete in eine halbwegs ungestörte Ecke zurückgezogen. Er hatte versucht, die aufkommende Eifersucht mit einigen schnell heruntergeschluckten Gläsern Bier zu betäuben. Doch mit jedem weiteren Glas bohrte sie stärker in ihm. Sein Blick wanderte unsicher durch den Raum, dessen gelbliches Licht vom Zigarettenrauch milchig abgedämpft wurde. Miriam war aus seinem Blickwinkel verschwunden. „Wo kann sie denn jetzt schon wieder sein?“ fragte er sich leise und beruhigte sich mit dem Gedanken, dass sie sich wahrscheinlich frisch machen würde. Er blickte auf seine Uhr: kurz nach eins. Aber das konnte doch nicht so lange dauern. Er beschloss, unauffällig nach ihr zu suchen.
Ein wenig zu hastig sprang er auf, der Alkohol stieg ihm zu Kopf, brachte ihn ins Torkeln. Langsam ließ er sich in den Sessel zurücksinken und versuchte es noch einmal. Voller Konzentration erhob er sich und versuchte, seine Bewegungen normal aussehen zu lassen. Es gelang ihm nur teilweise. Er näherte sich der offenstehenden Balkontür, eine Prise frische Luft würde ihm gut tun.
„... so glücklich, dich wiederzusehen.“ Wortfetzen, die er aufschnappte; das war doch Miriams Stimme, die da vom Balkon her zu hören war. Froh darüber, sie gefunden zu haben, beschleunigte er seine Schritte und... Abrupt blieb er stehen. Ihm stockte der Atem, der Puls pochte in seinen Schläfen. Miriam, im Dunkel des Balkons, durch einen halb zugezogenen Vorhang versteckt vor den Blicken der anderen... sie umarmte einen Fremden, sie küssten sich herzlich.
„Raus, nichts wie weg hier!“ hämmerte es in Peters Kopf. Sie hier zur Rede zu stellen, was würde das schon bringen? Hier, wo er allein gegen alle stehen würde. Er zwang sich, den Raum unauffällig zu verlassen. Leise ließ er die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Endlich draußen! Frische Luft, frei von Alkoholdunst und Nikotingeruch, füllte seine Lungen. Seine Benommenheit war verflogen, er hastete zu dem nahe gelegenen Taxistand.
„Bahnhofstraße 13, bitte.“ Martin, sein alter Freund aus Studientagen, war der einzige, den er auch zu dieser späten Stunde noch aus dem Bett klingeln konnte. Vielleicht war er sogar noch auf. Schon damals bei der Geschichte mit Susanne hatte er sich um ihn gekümmert, ihm stundenlang geduldig zugehört.
Es war kurz nach vier, als Peter endlich Ruhe fand. Sein erschöpfter Körper forderte sein Recht, und er fiel in einen tiefen Schlaf. Wirre Träume tobten durch sein Unterbewusstsein und ließen seine Augenlider unkontrolliert zucken.
Warme Sonnenstrahlen streiften Peters Gesicht, der Duft von frischem Kaffee weckte seine Lebensgeister. „Alles klar, Alter?“ hörte er Martin aus der Küche rufen. „Komm rüber, Frühstück ist fertig. Du hast bestimmt einen Bärenhunger.“
„Zuallererst brauche ich ein Glas Wasser und `ne Aspirin. Mensch, hab ich einen Brummschädel.“
Martin hatte Peter während des Frühstücks angeboten, ihn nach Hause zu fahren. „Wenn du willst, kann ich vor deiner Haustür warten. Weißt du, du solltest dir Klarheit darüber verschaffen, was wirklich Sache ist. Du kannst natürlich auch ein paar Tage hierbleiben. Ich bin zwar die nächste Woche dienstlich unterwegs, aber du kennst dich ja hier aus. Okay?“
„Nein, ich bleibe nicht hier. Du hast recht, ich muss reinen Tisch machen.“
Langsam stieg Peter die knarrenden Holzstufen zur ersten Etage des Altbaus hinauf. Nur noch wenige Schritte bis zu seiner Wohnungstür. Wie sehr sehnte er sich nach dem Wiedersehen mit Miriam, gleichzeitig aber hatte er Angst vor der Begegnung. Würde sie überhaupt schon da sein? Er kämpfte die aufsteigende Panik nieder. Noch bevor er den Schlüssel in das Schloss stecken konnte, flog die Tür auf.
„Mein Gott, Peter!“ rief Miriam. „Bin ich froh, dass du da bist. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ Erleichtert fiel sie ihm um den Hals und zog ihn in die Wohnung. „Wo bist du nur gewesen?“
„Ach, das interessiert dich?“ fragte Peter leise. Seine Gefühle drohten außer Kontrolle zu geraten, bissig fuhr er fort: „Wenn du vorhast, dich auf einen Selbstfindungstrip zu begeben, ich lege dir keine Steine in den Weg. Ich habe Erfahrung mit so was.“
Miriam blickte ihn traurig an. „Ach Schatz, jetzt hör aber auf? Nur wegen der Fete gestern Abend?“
„Jetzt tu bitte nicht so, als ob du nicht wüsstest, was ich meine. Oder war es nur dein Schatten, der auf dem Balkon wild rumgeknutscht hat? Ich bin doch nicht blind.“ Peter versuchte die Hand zurückzuziehen, die Miriam ergriffen hatte. Doch sie ließ ihn nicht los, zog ihn mit einer Kraft, die man ihrer zierlichen Gestalt nicht zugetraut hätte, ganz nah heran und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss.
„Ich bin doch nur auf den Balkon gegangen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Klar, ich hätte dir Bescheid sagen müssen. Aber die ganze Rederei, der Alkohol, die laute Musik... Ich hatte einfach Kopfschmerzen. Ich konnte doch nicht ahnen, dass sich Torsten auf dem Balkon versteckt hatte. Er ist erst gestern Abend aus New York zurückgekommen und wollte mich überraschen.“
„Das ist ihm dann ja wohl auch gelungen, wie? unterbrach Peter, erstaunt über ihre Offenheit.
Miriam schmiegte sich eng an ihn, gab ihm einen weiteren Kuss. „Ich habe meinen Bruder Torsten fast zwei Jahre lang nicht mehr gesehen. Wir haben uns so sehr über das Wiedersehen gefreut...“
„Mein Gott, ich Idiot“, stammelte Peter, „verzeih mir bitte.“
Vor der Haustür startete Martins Auto.


copyright: Günter Jagodzinska
veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Franfurt am Main, Dezember 1998
Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd / ISBN 3-596-13857-4