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Kuss im Dunkeln

Unterwegs

Eine romantische Love-Story -
geschrieben von
GIANNA GARRE für einen ganz besonderen Menschen


Der Hustenreiz ließ langsam nach, als der Bus um die Ecke bog. Letzte erstaunlich schwarze Rauchwölkchen lösten sich vor ihren Augen auf.
„Da wird einem glatt wohl ums Herz, wenn man sieht, was die alles noch auf die Straße schicken.“
Lächelnd sah sie zu ihrer Sitznachbarin herüber, welche sie lediglich eines kurzen, scheuen und ziemlich bitteren Blickes würdigte. „Okay... halt besser deinen Mund. Womöglich fühlt sie sich noch persönlich angesprochen“, schoss ihr durch den Kopf, der von Freude und Lebenslust sprühende Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwand, der sowieso in krassem Gegensatz zur tristen Atmosphäre gestanden hatte.
Seit etwa zwei Tagen war der Sommer wohl endgültig vorbei. Auf dem Boden waren von dem starken Regenguss der letzten Nacht noch kleine Pfützen übrig, in denen einzelne Blätter, Zigarettenstummel und anderer undefinierbarer Dreck schwammen.
Der halboffene Unterstand, der zur Bushaltestelle „Fettberg“ gehörte, schien bereits etwas älter zu sein. Jedenfalls war dies ihre Vermutung, nachdem sie die etlichen, kleinen Beschädigungen entdeckt hatte. Gerade war sie in einer Art inniger, gedanklicher Auseinandersetzung mit sich selbst gewesen, wie wohl der äußerst feine Name der Haltestelle zustande gekommen sein mochte, als ihr zwischen den Graffiti, die sich kreuz und quer über das Haltestellenhäuschen zogen, ein großer Sticker auffiel. „Bekleben verboten“ stand dort in schwarzen Lettern. „Tz...“, entfuhr es ihr und spürte dabei einen leichten Ruck, der durch ihre Sitznachbarin zuckte. Die ältliche Dame hatte wohl einen harten Tag gehabt oder ein hartes Leben oder vielleicht auch beides. Jedenfalls war sie anfällig für jegliche Lautäußerungen ihrer Mitmenschen. Diese Tatsache hatte schon einen gewissen Reiz, aber statt sich auf die ziemlich eingemummte Person neben ihr zu konzentrieren, beschäftigte sie sich lieber damit zu beobachten.
Auf der anderen Straßenseite ging ein junger Mann vorüber, Anfang bis Mitte Zwanzig. Seine dunklen Locken hatten die perfekte Länge erreicht, um sein fein geformtes Gesicht mit dem kleinen Bart am Kinn an Schönheit zu vollenden. Einen kurzen Augenblick hob er seinen Kopf zu ihr herüber. Genug Zeit für sie, diesen Eindruck einzufangen und voller Bewunderung in ihrem Inneren zu speichern und kürzlich aufgenommene Sequenzen zu überlagern.
Der Moment ging vorüber, aber ein wohliges Gefühl blieb, das ihr allein dieser Fremde geschenkt hatte. Ein Geschenk, das sie auf ihrem langen Weg nach Hause nur zu gerne annahm.
Geräuschvoll kam die Linie zweiundvierzig auf sie zu. Hinter dem Steuer erkannte sie dieselbe Fahrerin, die auch an den letzten Tagen das Vehikel sicher ans Ziel gebracht hatte.
Sie stand auf und griff nach ihrer Tasche, die bei ihrer zierlichen Statur enorm erschien und aus deren Weite sie geschickt ihr Ticket heraus beförderte.
Der kühle Wind strich ihr eine Haarsträhne ins Gesicht, als sie das kurze Stück Richtung Straßenrand hinter sich brachte. Die ältliche Dame erhob sich ebenfalls und trippelte mit kleinen Schritten auf den Bus zu, der vor dem Haltestellenhäuschen zum Stehen kam und beim Öffnen seiner vorderen Tür ein Zischen von sich gab.
Großmütig gewährte sie ihr den Vortritt, was wohl auch mit dem Mitleid zusammen hing, das sie empfand, als sie sah wie langsam die kleine Frau sich bewegte. In dem Bewusstsein ihrer bisherigen Empfindungen ihr gegenüber nahm sie es, leicht reumütig, hin, dass sie sich natürlich nicht für die ihr entgegen gebrachte Freundlichkeit bedankte.
Wild hämmerte sein Herz, als er sah, dass bereits die letzten Fahrgäste einstiegen und er sich trotz Kräfte raubenden Laufs noch gut hundert Meter entfernt befand.
Wieder einmal hatte sein Chef von ihm verlangt länger zu bleiben, weil der Andrang in der Gaststätte so stark gewesen war, dass sie mit ihren wenigen Angestellten und der sich ewig verspätenden nächsten Schichtbesetzung gewiss Beschwerden erhalten hätten.
Eigentlich war ihm das egal, war es nun mal auch nicht sein Restaurant und auch nicht sein Name, der auf dem Spiel stand. Und selbst dann hätte ihn die Tatsache, dass gerade viele fremde Menschen Hunger verspürten, noch lange nicht davon abgehalten pünktlich nach Hause zu fahren.
Schließlich wartete zu Hause seine Familie, die ebenfalls Hunger hatte und liebevoll mit gedecktem Tisch hoffte, er würde heute mal etwas eher bei ihnen sein.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal mit seiner hübschen Angetrauten auswärts essen gegangen war. Es war nicht so, dass sie am Hungertuch nagten, aber der Unterschied zwischen ihnen und der Kundschaft an seinem Arbeitsplatz war ihm vollständig gewahr und kam ihm in manchen ruhigen Momenten wie eine große Kluft vor.
Jetzt rannte er die Straße hinunter, in der Hoffnung den Bus doch noch zu erreichen.
Zu seinem Glück hielt eine kleine, ältliche Dame gerade den Verkehr auf, indem sie auf jeder Stufe mit beiden Füßen stehend kurz pausierte. Als sie den anscheind beschwerdlichen Weg hinter sich gebracht hatte, war nur noch eine junge Frau vor ihm, der er einen ungewollten Schubs verpasste.
Völlig außer Atem rempelte der junge Mann, dem es anscheinend äußerst wichtig war den Bus noch zu erreichen, sie an. Erschrocken hielt sie sich am nächsten Sitz fest.
Gewiss hätte die Busfahrerin auch die Güte besessen einige Augenblicke zu warten, aber die ehrlich vorgebrachte Entschuldigung des Mannes genügte ihr schon, um über den kurzen Schrecken hinweg zu sehen, der immerhin glipflich ausgegangen war.
„Ihre Fahrkarte?“, erkundigte sich die Fahrerin bei dem Mann. Immer noch außer Atem hatte er sie schnell zur Hand, so dass sich die vordere Tür wieder mit einem Zischen schloss und sich der Bus in Bewegung setzte.
Langsam schaukelte die Gardine hin und her. Draußen war bereits die Dämmerung eingebrochen. Ruhig drehte er sich um und ging durch den Raum. Der Fernseher lief nicht mehr und konnte so auch keine weitere Landschaft der Erde mit seinen Bewohnern beschreiben.
Seine alten Beine trugen ihn vorbei an der moströsen Bücherwand, die komplett von der Decke bis zum Boden reichte und seinem Stammplatz auf dem kleinen Sofa in der Ecke.
Tiefe Falten zeichneten sich auf seiner Hand ab, die gerade nach dem Lichtschalter des Badezimmers tastete.
Der Mann, der so schnell gelaufen war, erinnerte ihn an Jemanden. Vor seinem inneren Auge stand er wieder in freier Natur. Seine Armeestiefel versanken ein Stück im Matsch. Er befand sich im besten Alter und verfügte über Ausdauer und Kraft, welche ihn jedoch nicht davor bewahrt hatte bis aufs Äußerste erschüttert zu werden.
Ivar, er war erst achtzehn Jahre alt gewesen. Erschossen hatten sie ihn. Immer wieder hallte der Schuss in seinem Kopf nach, ein einzige, todbringender Schuss.
Wie um sich von seinen Gedanken zu befreien rieb er sich mit seinen nassen Händen durchs Gesicht.
Er hatte viel erlebt. Manche Menschen würden es für zu viel halten, aber er hatte es sich zur Aufgabe gemacht dankbar zu sein.
„Der größte Reichtum ist die Zufriedenheit mit seiner Lage“, so hieß es auf einem kleinen Schild in seinem Wohnzimmer.
Er wanderte ein paar Schritte über den Flur und gelangte in sein Schlafzimmer.
„Der größte Reichtum..“, murmelte er vor sich hin. Dabei hatte er gar nicht über viel Geld verfügt, als er sie am Bahsteig das erste Mal traf.
Eine junge Schaffnerin. Sie trug ihre lockigen Haare ordentlich unter dem vorgeschriebenen, dunklen Hut, der zur Jacke und dem Rock passte.
Auf irgendeine Art und Weise ähnelte sie ihm, als er damals mit seiner Uniform in den Zug stieg.
Niemals zuvor war etwas in seinem Leben so offensichtlich gewesen wie in dem Moment, als sie sich das erste Mal ansahen.
Dass sie diejenige war, die nach seiner Fahrkarte fragte, hätte anders nicht sein können, denn nur durch sie hatte er sein Leben vorwärts bringen können.
Er hielt vor einem alten schwarz-weiß Bild inne.
Genauso intensiv wie die Freude mit ihr in sein Herz eingezogen war, genauso intensiv hatte der Schmerz sein Herz verkrampft, als sie starb. Dennoch spürte er sie an seiner Seite. In Wahrheit war sie nie von ihm gegangen, auch wenn er es vermisste mit ihr zu reden und ihre Berührung zu spüren.
So in Eile war der Mann vorhin auf der Straße gewesen. „Immer sind alle so in Eile...“, formte sich ein Gedanke in seinem Kopf.
Oft hatte er aus dem Fenster auf die gegenüberliegende Bushaltestelle und die Straße mit den Gehwegen geschaut und beobachtet wie so viele Menschen mitten im Alltag stehend unterwegs gewesen waren.
Unterwegs war er genügend gewesen, wusste er tief in seinem Inneren. Trotzdem verspürte er keine Angst, als er sich in sein Bett legte und die Augen schloss.
Er war dankbar, während draußen auf der Straße der letzte Linienbus für heute kleine Rauchwölkchen in die Luft stieß.