ZWISCHEN DEN FRONTEN
AUTOR
NORBERT FRANITZEK
1933 im oberschlesischen Ratibor geboren, erlernte zunächst das Tischlerhandwerk. 1957 übersiedelte er in die Bundesrepublik und studierte Holztechnik. 1963 begann er eine Tätigkeit am Forschungszentrum Jülich und erhielt dort eine Ausbildung zum Kerntechniker und Reaktoroperateur. Seit seinem Ruhestand widmet er sich verstärkt dem Schreiben. Er lebte bis 2009 in Jülich und wechselte seinen Wohnsitz 2010 in die Nähe von Wolfsburg.
KLAPPENTEXT
Schlesien hat eine wechselhafte Geschichte durchlaufen, bis es nach fast siebenhundert Jahren wieder polnisches Territorium wurde. Am 14. August 1335 im Vertrag von Trentschin verzichteten die Bevollmächtigten von Polens König Kasimir III. des Großen ohne Gegenleistung auf den zu Polen gehörenden Teil Schlesiens zugunsten Böhmens. Von 1526 an unterstand Schlesien der habsburgischen Krone, ehe es 1740 von Preußen erobert und preußische Provinz des Deutschen Reiches wurde.
In "Zwischen den Fronten" erweckt Norbert Franitzek einen Abschnitt dieser Geschichte wieder zum Leben. In einem breiten erzählerischen Bogen erzählt er das Schicksal der Familien Schlömer und Scholz, die in den politisch umstrittenen oberschlesischen Gebieten seit Generationen ansässig sind. Über einen Zeitraum von fast hundert Jahren folgt er ihren Spuren, schildert eindrücklich geschichtliche Ereignisse und deren unbarmherzige Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Widerstand, Flucht und Neuanfang prägen die Lebenserfahrung seiner Protagonisten. Historie wird zu Geschichte von Furcht und Verlust - und ungeheurem Lebenswillen. Vor den Augen des Lesers lässt Franitzek die verlorene Heimat Schlesien wiederauferstehen. Es entsteht ein liebevoll und detailreich gezeichnetes Bild von Gebräuchen und der Mentalität der Menschen, die in den Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen und mit der Flucht ihren Lebensraum verloren. Es ist die packende Darstellung eines dramatischen Kapitels der deutschen Geschichte.
REZENSION
Anfang der 90er-Jahre begann Norbert Franitzek seine Spurensuche und Materialsammlung, die nun mit der Veröffentlichung eines Buchs mit dem Titel "Zwischen den Fronten" ihren vorläufigen Abschluss gefunden hat. "Ich habe die wahre Geschichte meiner Heimat Schlesien als Roman gesucht und nichts gefunden, was auch nur annähernd dem Thema entsprochen hätte", erklärt der Autor den Anlass, das Werk selbst in Angriff zu nehmen. Heraus gekommen ist die Geschichte der Familien Schlömer und Scholz im Wandel der Zeitgeschichte des vergangenen Jahrhunderts. Auch wenn einige Namen verändert wurden, gibt Franitzek die Ereignisse so wieder, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben. Kleine und große Dramen ganz persönlich privater Natur und deren Ursachen und Auswirkungen finden sich wieder im Sog der politischen Machtverhältnisse. Anschaulich verarbeitet der Autor die Handlungen in Episoden, die erkennen lassen, wo der Einzelne noch selbst entscheiden und das Miteinander beeinflussen und wo er im Gegensatz dazu nur noch auf die Vorgaben der jeweiligen Machtinhaber reagieren konnte. Dabei registriert der Leser recht schnell, dass sich die subjektive Sichtweise des Autors aus der Position des Heimatvertriebenen heraus "wie ein roter Faden" (so der Arbeitstitel des Buchs) durch den Text zieht. Situationen, die scheinbar nur durch opportunistisches Taktieren aufzulösen sind, zwingen den Leser nahezu, zu hinterfragen, wie man selbst gehandelt hätte. Als Beispiel dient die Szene zu Kriegsbeginn, in der die deutsche Magd Berta sich für ihr Liebesverhältnis mit dem polnischen Landarbeiter Pawel zu rechtfertigen hat. Auf Anraten ihres Dienstherrn Baron von Marwitz greift sie zur Lüge und leugnet, die Herkunft ihres Geliebten gekannt zu haben. Wer hier den moralischen Zeigefinger erheben mag, darf nicht den im Hintergrund der Szene stehenden Gestapomann übersehen, dem die couragierte Magd zuvor die Waffe aus der Hand geschlagen hat. Die erste Fassung des Romans hatte etwa 1300 Seiten, "eindeutig zu viel" für alle vom Autoren angeschriebenen Verlage. "Reduzieren Sie das Ganze auf 400 Seiten, dann sind wir dabei", empfahl ein Herausgeber. Dieser enttäuschte dann jedoch nach getaner Arbeit Franitzeks Hoffnungen auf Veröffentlichung mit dem Hinweis auf die "veränderte schwierige wirtschaftliche Situation im Verlagswesen". Von Erfolg beschieden wurden die Bemühungen letztlich bei "Books on Demand". Im Gespräch vertritt Franitzek offensiv und vehement seine Meinung: "Es wird auf uns rumgehackt, und keiner wehrt sich". So ist auch das Fazit auf der letzten Seite des Romans als sein ganz persönliches zu verstehen, in dem "die dritte Vertreibung der ostdeutschen Bevölkerung" als die "schmerzlichste, weil von eigenen Landsleuten... zugefügt" beschrieben und vom "ungeheuerlichen Verrat an der Heimat" geredet wird. Für den objektiven Leser mit der gebührenden emotionalen Distanz stellt der Roman ein durchaus interessant zu lesendes lokal fixiertes Zeitdokument der jüngeren deutschen Geschichte dar. Er bietet eine Fülle von Informationen, die es wert sind, dass man sich eingehender damit befasst und bestenfalls die aktuelle Wichtigkeit Völker verbindender Politik entdeckt.
(copyright / Günter Jagodzinska / Jülicher Nachrichten - Jülicher Zeitung)

