ALEXEJ'S LETZTE WEIHNACHTEN
Für Alexej und alle Kinder der Welt, die unschuldig unter Krankheit, Not und Elend zu leiden haben.
Ganz besonders gewidmet:
ALEXEJ TIMOSCHKO
geboren am 14.02.1978 in Minsk
gestorben am 29.12.1995
Diagnose: Lymphdrüsenkrebs
Nastia drückt die Hand ihrer kleinen Schwester Vitalina noch ein wenig fester. Wie überall zur Weihnachtszeit in Weißrussland haben die Kinder auch an ihrer Schule in Slonin ein lustiges Theaterstück aufgeführt. Wie immer sind alle in bunten Kostümen über die Bühne getollt, haben getanzt, gesungen und Gedichte aufgesagt. Und doch war es diesmal anders.
Im vorigen Jahr hatte Alexej als Astronaut den kleinen Mondhund, der auch einmal den Weihnachtsmann sehen wollte, auf die Erde geholt. Alexej hatte seine Rolle tapfer und fröhlich gespielt, obwohl er damals schon sehr krank war. Zur Zeit des unheilvollen Unfalls vor einigen Jahren im nahen Kernkraftwerk Tschernobyl hatte er im Freien gespielt. Zu essen gab es auch danach das, was die Eltern auf ihrem Feld ernteten, weil nichts anderes da war. Später, als die Ärzte feststellten, dass Alexej an Krebs erkrankt war, hatte er mit der ganzen Kraft seines schmächtigen Körpers und einem unbändigen Lebenswillen gegen die Krankheit gekämpft. Kurz nach seinem dreizehnten Geburtstag im vergangenen November hat er den Kampf verloren.
Der eisige Nordwind, der am letzten Tag des Jahres über die rauhe Landschaft fegt, peitscht Nastia und Vitalina harte Schneeflocken ins Gesicht, doch das stört sie jetzt nicht. Sie haben lange gespart, um den kleinen zotteligen Stoffhund kaufen zu können, der genauso aussieht, wie der Mondhund aus dem Theaterspiel vom letzten Jahr. „Für dich zu Weihnachten.“ Mehr bekommt Nastia nicht heraus, als sie ihn am schlichten Holzkreuz von Alexejs Grab zärtlich ablegt. Nach einer Weile nimmt Nastia Vitalina wieder behutsam an die Hand. „Komm, wir müssen nach Hause. Bestimmt haben Mama und Papa den Weihnachtsbaum schon mit unseren bunten Sternen geschmückt. Und ganz bestimmt sind da auch wieder ein paar kleine Figürchen aus echter Schokolade für uns dran. Sei nicht traurig, dass der Weihnachtsmann und das Schneemädchen für manche Kinder ganz viele Sachen und für arme Kinder nur wenig mitbringt. Er hat auf jeden Fall alle Kinder gleich lieb.“
copyright: Aachener Zeitungsverlag / Günter Jagodzinska
